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Strategie
axelity ag12. März 20269 Min. Lesezeit

Erst vereinfachen, dann digitalisieren

Die meisten Firmen digitalisieren ihre alten Fehler.

Ein papierbasierter Prozess wird 1:1 digital nachgebaut. Gleiche Schleifen. Gleiche Freigaben. Nur eben mit PDF statt Papier.

Das ist keine Digitalisierung. Das ist eine Formatänderung.

Der teuerste Irrtum der Transformation

Die Zahlen sind ernüchternd: Rund 70 Prozent aller Digitalisierungsprojekte verfehlen ihre Ziele. Weltweit fliessen bis 2026 geschätzte 3,4 Billionen Dollar in digitale Transformationen — und der grösste Teil davon verpufft. Nicht weil die Technik versagt, sondern weil die falschen Dinge digitalisiert werden.

Der Grundfehler: Unternehmen verwechseln Digitalisierung mit IT-Modernisierung. Neue Tools werden eingeführt — ERP-Systeme, CRM-Plattformen, Cloud-Infrastruktur — und die Sache gilt als erledigt. Aber ein ineffizienter analoger Prozess wird durch Digitalisierung nicht effizienter. Er wird lediglich ein ineffizienter digitaler Prozess.

Was ich im DACH-Raum immer wieder sehe

Bestimmte Muster tauchen branchenübergreifend auf:

  • Werkverträge mit 120 Seiten, die in voller Länge digital unterschrieben werden — obwohl niemand geprüft hat, ob die Hälfte der Klauseln noch relevant ist
  • Freigabeschleifen über mehrere Abteilungen, bei denen jede Stufe einen eigenen Genehmigungsschritt einfügt — nicht weil es nötig wäre, sondern weil es schon immer so war
  • Dokumente im endlosen Umlauf, ohne dass jemand weiss, wo der Prozess gerade steht oder wer als Nächstes handeln muss
  • Entscheidungen, die stocken, weil die Verantwortung auf zu viele Schultern verteilt wurde

Und dann wird gesagt: „Wir haben jetzt eine Signaturlösung."

Nein. Was entstanden ist, ist ein digitaler Stempel auf einem analogen Prozess.

Die Frage, die niemand stellt

Echte Digitalisierung beginnt nicht mit der Frage „Wie digitalisieren wir das?"

Sondern mit: „Brauchen wir diesen Prozess überhaupt noch?"

Das klingt radikal, ist aber im Kern ein Lean-Prinzip, das die Fertigungsindustrie seit Jahrzehnten anwendet: Zuerst den Prozess verschlanken, dann erst automatisieren. Die Forschung bestätigt, dass Lean und Digitalisierung sich gegenseitig verstärken — aber nur in dieser Reihenfolge. Wer einen chaotischen Prozess digitalisiert, beschleunigt das Chaos.

Die drei Schritte, die funktionieren:

  1. Vereinfachen: Unnötige Schleifen, redundante Freigaben und überflüssige Dokumente eliminieren
  2. Standardisieren: Klare, wiederholbare Abläufe definieren
  3. Digitalisieren: Erst jetzt die passenden Werkzeuge einsetzen

Wer diese Reihenfolge umkehrt, kauft sich Komplexität statt Effizienz.

Was uns davon abhält, erst zu vereinfachen

Die ehrliche Antwort: Vereinfachung bedeutet Veränderung. Und Veränderung betrifft Aufgaben, Prozesse, Rollen und Hierarchien.

Ein Freigabeschritt weniger heisst: jemand verliert eine Kontrollfunktion. Ein verschlankter Vertrag heisst: die Rechtsabteilung muss loslassen. Ein automatisierter Ablauf heisst: eine manuelle Tätigkeit entfällt.

Die Angst dahinter ist menschlich verständlich — aber oft unbegründet. Denn es geht bei der Digitalisierung nicht darum, Stellen abzubauen. Es geht darum, knappe und wertvolle Personalressourcen für qualifiziertere Arbeiten einzusetzen. Die Mitarbeiterin, die heute 30 Minuten pro Vertrag mit Drucken, Scannen und manueller OCR-Korrektur verbringt, könnte in derselben Zeit drei Kandidatengespräche führen.

Digitalisierung sollte Menschen vom Papier befreien — nicht überflüssig machen. Ihnen die Möglichkeit geben, ihre Aufgaben von überall und jederzeit zu erledigen, statt an Bürozeiten und Drucker gebunden zu sein.

Die oft vergessene Frage: Welche Signaturqualität brauche ich wirklich?

Ein häufig übersehener Aspekt der Prozessvereinfachung betrifft die Wahl der Signaturqualität. Nicht jedes Dokument braucht die höchste Stufe. Wer pauschal alles mit einer qualifizierten elektronischen Signatur (QES) versieht, erzeugt unnötige Komplexität und Kosten.

Die entscheidenden Faktoren bei der Wahl:

Gesetzliche Vorgaben

Manche Rechtsgeschäfte erfordern die Schriftform — in der Schweiz etwa Konkurrenzverbote im Arbeitsrecht oder bestimmte Bürgschaften. Nur die QES erfüllt hier die gesetzlichen Anforderungen. Für Arbeitsverträge ohne Schriftformerfordernis reicht in der Regel eine einfache oder fortgeschrittene Signatur.

Interne vs. externe Parteien

Interne Freigaben — etwa Feriengesuche, Spesenbelege oder Protokollabnahmen — brauchen keine qualifizierte Signatur. Bei externen Partnern, Behörden oder Banken gelten unter Umständen höhere Anforderungen.

Empfänger und Gegenpartei

Behörden und Banken verlangen häufig eine QES. Private Vertragspartner akzeptieren in vielen Fällen eine FES. Für alltägliche Geschäftskorrespondenz genügt oft die EES.

Wirtschaftliche Tragweite

Je grösser das finanzielle Risiko eines Geschäfts, desto höher sollte die Signaturqualität sein. Ein Lieferschein braucht nicht das gleiche Sicherheitsniveau wie ein Grundstückkaufvertrag.

Die richtige Signaturqualität für den richtigen Zweck — das ist bereits ein Akt der Vereinfachung.

Digitalisierung ist kein IT-Projekt

Digitalisierung ist kein IT-Projekt. Sie ist eine Frage der Zusammenarbeit.

Die grösste Herausforderung der Transformation liegt nicht in der Technologie. Die Werkzeuge sind längst vorhanden — elektronische Signaturen, digitale Siegel, Validierungsdienste, eID, KI-gestützte Verarbeitung. Die Herausforderung liegt darin, dass Menschen und Organisationen bereit sein müssen, ihre Arbeitsweise zu hinterfragen.

Das bedeutet:

  • Führungskräfte, die den Mut haben, Prozesse zu streichen statt zu digitalisieren
  • Teams, die Verantwortung übernehmen statt auf Freigaben zu warten
  • Organisationen, die Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg fördern statt in Silos zu denken

Die richtige Frage zum Schluss

Die Frage ist nicht, ob Ihr Unternehmen digitaler wird. Das wird es zwangsläufig.

Die Frage ist: Digitalisieren Sie das Richtige? Oder beschleunigen Sie nur das, was Sie schon immer getan haben?

Wer sich diese Frage ehrlich stellt, spart nicht nur Software-Lizenzen. Sondern vor allem Zeit, Nerven und die wertvollste Ressource von allen: die Aufmerksamkeit der eigenen Leute.

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